Die Letzte
Man stellt sie sich als Ritual vor, die letzte Zigarette. Ein grosser Moment, ein Einschnitt in der Biographie. Meine letzte war anders, nämlich so:
Ich bin zu Fuss auf dem Weg von der Arbeit zum Bahnhof, wie jeden Tag.
Dabei rauche ich, wie jeden Tag.
Heute hab ich noch zwei Zigaretten; beide glauben dran.
Der Kopf ist damit beschäftigt, die Sucht zu managen: den anderen Zug nehmen, weil dann die Umsteigezeit reicht, um am Kiosk vorbeizugehen. Auch für Kaugummis, weil der Atem stinkt. Aber dennoch Begegnungen mit Bekannten vermeiden, weil man es auch mit Kaugummi riecht. Und nur flüchtige Küsse an Frau und Kinder. Am Wochenende werd ich den den Einkauf an mich reissen: Gelegenheit, Nachschub zu besorgen und irgendwo eine zu paffen. Hoffentlich will keins der Kinder mitkommen...
Einem plötzlichen Reflex gehorchend werfe ich zusammen mit der zerknüllten Packung auch das Feuerzeug in den Abfall. Nicht nur mein Atem stinkt. Mir stinkt das Rauchen.
Wie jeder süchtige hab ich ja noch ein zweites Feuerzeug und werde spätestens morgen früh rückfällig. Aber zu meinem Erstaunen ist auch nach 12 Stunden die Unlust grösser, und Feuerzeug Nr. 2 fliegt in den Eimer. Erst jetzt beginne ich mir selber zu glauben, dass die andere Zigarette vom Vorabend die letzte war...


Kommentare
Johannes | 12:29 Uhr - 28.04.10hut ab, daß Du dieses ritual der letzten zigarette so durchgezogen hast.
für mich wäre das aufhören sicherlich schwieriger gewesen, wenn ich mir "die letzte" so bewusst gemacht hätte.