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tag 56 - trauer, wut und hoffnung

bevor hier die stimmung ganz den bach runtergeht, wechsel ich mal das thema und schreib ein paar gedanken nieder. will das mal einfach loswerden und für mich selber klären.

traurig zu sein ist nicht wirklich schön, doch oft sehr notwendig. ich rede hier nicht von der trauer, die sich durch einen schmerzlichen verlust zwangsläufig ergibt, ich meine mehr die trauer, um die ich mich manchmal gern drücke.

irgendwann in meinem leben habe ich festgestellt, daß rauchen für mich ein massives problem darstellt. kein problem wie z.b. "die vorhänge sollten auch wieder mal gewaschen werden", nein, bei dem problem ging/geht es buchstäblich um leben und tod.

oft habe ich mir pläne und zielsetzungen für mein leben niedergeschrieben, für partnerschaft, beruf, hobby und natürlich auch gesundheit. brav wie ich war, habe ich "gesundheit" auf meinen prioritätslisten immer an erste stelle geschrieben und als oberster punkt davon stand dann "rauchen aufhören!!!!".

jahrelang habe ich mich um diesen punkt, den allerersten punkt auf meiner was-muß-ich-tun-liste, herumgedrückt. mit scheuklappen, ja-nicht-jetzt-sondern-erst-später-ankündigungen und selbstlügen. wie ein kleines kind wollte ich dieses massive überlebens-problem einfach nicht wahrnehmen. als hielt ich mir die hände vors gesicht und sagte: 'es ist nicht mehr da, denn ich seh's nicht mehr'.

ich habe den tag verflucht, als ich mit dem rauchen begonnen habe, bin die orte meiner ersten zigaretten gedanklich durchgegangen, doch es half alles nichts. ich war zigarettensüchtig und zwar ganz massiv. ich war jemand, der (heimlich) kippen im müll oder auf der straße gesucht hat, wenn tabakladen oder zigarettenautomat nicht verfügbar waren. es war schlimm.

einen großen wunsch hatte ich: einfach einmal aufwachen und nicht mehr zigarettensüchtig zu sein, da konnte ich naiv wie ein kleinkind sein, das allen ernstes auf die gute fee wartete. realitätsverweigerung pur.

die fee ist nicht gekommen, auch nicht das urplötzliche suchtfreie erwachen, was kam waren unleugbare anzeichen, daß rauchen auch mir absolut nicht guttat und ärzte die meinten: "na für ihren zigarettenkonsum sind sie ja noch erstaunlich wenig geschädigt!"

ich war süchtig, habe es mir eingestanden und mir eingestanden, daß das nun mal so ist. da half kein die-zeit-zurück-drehen-wollen und kein auf die fee warten. meine sucht ist/war meine realtität. dies weiter zu ignorieren hätte schlechte gesundheit und kürzeres leben bedeutet. beides, gesundheit und leben, sind mir allerdings sehr wichtig. zumindest habe ich das immer behauptet.

mein endgültiges suchteingeständnis und das erkennen von massivem handlungsbedarf war für mich alles andere als lustig, es war und ist sogar sehr traurig. traurig, weil es der endgültige abschied von falschen hoffnungen und naivem feen-glauben ist.

ich habe jetzt erst erkannt, wie wichtig es für mich ist diese trauer für mich zuzulassen. gerne würde ich DESWEGEN weinen, weil es die rauch-frei-fee nicht mehr gibt. (leider kann ich nicht weinen, doch ich bemühe mich darum deswegen traurig zu sein). ich hoffe, daß mir dadurch der abschied von all meinem naiven glauben von früher endgültig gelingt.

diesen ABSCHIED von meiner früheren selbstverleugnung halte ich für IMMENS wichtig. trauer und abschied gehören einfach zusammen und der damit verbundene schmerz hat einfach den sinn um platz für neues freizugeben.

56 tage bin ich ex-raucher und ich werde NIE MEHR in meinem leben NICHTraucher werden. die sucht wird ewig in mir schlummern, auch wenn sie jahrzehnte nicht gefüttert wird. mir das einzugestehen macht mich traurig und diese trauer ist wichtig für mich! sie hilft mir mich von falschen hoffnungen und vorstellungen zu verabschieden.

immer wieder mischt sich in meine gefühle auch eine wut darüber, warum ich micht dem scheiß zigarettenzeug jemals begonnen habe. gern hätte ich mal einen richtigen wutanfall, der dann in ein ausgiebiges heulkonzert übergeht. ich glaube danach würde es mir dann einfacher fallen zu erkennen: SO IST ES NUN MAL, AUFZUHÖREN WAR DIE EINZIGE MÖGLLICHKEIT UND DIE FÜR MICH KLÜGSTE ENTSCHEIDUNG, JETZT GEHTS AUF IN EINE BESSERE ZUKUNFT!!!

es ärgert mich auch, daß ich recht viel zeit damit verbringe um meine sucht zu besiegen (z.b. das schreiben in diesem blog und andere dinge). ich halte dies allerdings notwendig, um bei meinem rauchstopp erfolgreich zu sein!

das wahrnehmen von realitäten hat für mich sehr viel mit der schon einmal erwähnten selbstverantwortung zu tun. die selbstverantwortung um die ich mich so gerene drücke. die selbstverantwortung, die mir anderersseits auch so viele möglichkeiten bietet!

als ich kurz mal damit aufgehört habe an feen zu glauben, die mein leben verändern, habe ich selbst etwas grundlegendes in meinem leben geändert. ich habe beschlossen mit dem rauchen aufzuhören, das geplant und gemacht. die überraschung war für mich riesengroß! hey, ICH SELBST kann dinge einfach ändern, die mich über jahre sehr belastet haben! einfach dadurch, daß ich der realität ins auge sehe, verantwortung für mein leben übernehme und etwas in meinem leben ändere.

wenn das so ist, wer weiß, was ich noch alles zu verändern imstande bin? wenn es also nicht die feen sind, die meine hoffnungen und wünschen erfüllen, sondern ich selbst, na dann kann ich eigentlich recht vieles beschleunigen. nicht (sinnlos) warten, sondern es einfach tun!

meine betreuerin (vom nichtrauchertelefon) hat mich bei einem der ersten beratungsgespräche gefragt: 'was kann schlimmstenfalls passieren, wenn sie mit dem rauchen aufhören? das schlimmste, was passieren kann ist, daß sie wieder mit dem rauchen anfangen. doch schlimm ist es auch nicht, denn rauchen tun sie ja jetzt schon. nur haben sie dann zumindest versucht aufzuhören.'

ich beginne langsam zu erkennen, was alles in meinem lebens sonst noch möglich ist, an veränderungen. ich werd mich wohl noch von so einigen einbetonierten wie ungeliebten verhaltensmustern verabschieden.

die dadurch entstehende trauer, wie will ich einfach riskieren!

Johannes am 10.02.10 11:06

Kommentare

blackbeauty | 22:42 Uhr - 10.02.10Hallo Johannes, wieder treffend geschrieben. Ich bin sehr berührt. Aber auch ich kenne diese Phasen des Kampfes, der Gleichgültigkeit, Glückseligkeit, Trauer, Wut. Bei jeglicher Abnabelung empfindet man diese Phasen. Ich habe sie oft schon durchgemacht. Doch wenn die Wut kommt, dann weiß ich "bald ist es geschafft". So ist es bei mir! Ich hoffe daher für dich, dass du damit die letzte, wenn auch schwierigste Phase der Abnabelung durchmachst. Ich bin in Gedanken bei dir und drücke dich mal ganz fest!